Vertrauliche Gespräche gibt es nur auf Antrag

WZ Gesamtausgabe, 18. Dezember 2002

In der Justizvollzugsanstalt Wuppertal müssen die Häftlinge oft die Rolle des "Coolen" spielen. Für die Seelsorger muss allerdings nicht geschauspielert werden. Die WZ durfte einen Insassen und einen Pfarrer begleiten.

Wuppertal. Peter S. ist 35 Jahre alt, zehn davon hat er "wegen verschiedener Geschichten" im Gefängnis verbracht: Diebstähle, Hehlerei, Einbruch, Überfall. Jetzt sitzt er wieder einmal in U-Haft am Simonshöfchen und rechnet mit 15 Jahren für ein Tötungsdelikt. Seine Frau hat sich scheiden lassen, seine beiden Kinder hat er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Er weiß nicht einmal, ob sie überhaupt noch in Wuppertal leben. Dreimal 30 Minuten so lange dürfen die Gefangenen pro Monat Besuch empfangen. Peter hatte schon "seit Ewigkeiten" keinen mehr.

"Manchmal muss man aber mit jemandem über seine Sorgen reden, sonst wird man echt verrückt", sagt Peter S.. Aber mit wem? Mit anderen Gefangenen? "Zu einigen habe ich schon ein gewisses Vertrauen, aber man muss auch immer den Coolen spielen, wenn du Schwächen zeigst, wird das gnadenlos ausgenutzt, dann ziehst du plötzlich bei jeder Aktion den Kürzeren."

 

Gesprächspartner Aufseher? "Mit einigen kann man auch schon mal ein Scherzchen machen, andere kapseln Privatleben und Beruf total voneinander ab", erzählt Peter. "Da sind dann die Positionen klar verteilt, ein vernünftiges Gespräch ist kaum möglich."

Um so wichtiger sind die Gefängnisseelsorger, die es sowohl in katholischer als auch in evangelischer "Ausführung" gibt.

    Alltag hinter Gittern: Peter S. Foto: Philipp Nieländer

"Zu denen kannst du echt Vertrauen haben", meint Peter S., der außerhalb der Gefängnismauern "nie einen sonderlich guten Draht" zur Kirche hatte. "Die hören sich deine Probleme an, tratschen nichts weiter und versuchen, so gut es halt geht, zu helfen." Anders als die Sozialarbeiter gehören die Pfarrer in den Köpfen der Häftlinge nicht zum "Knast-Personal". Eins ist allerdings nicht möglich: Die Häftlinge können nicht "mal eben" zum Pfarrer. Wie für die meisten anderen Dinge muss dafür morgens ein Antrag gestellt werden, der, wenn er genehmigt wird, im Fach der Gefängnisseelsorger landet. Und weil der Andrang immer recht groß ist, kann bis zum Gespräch schon mal einige Zeit vergehen.

 

"Aber die haben das schon ganz gut im Griff und können in der Regel ganz gut abschätzen, wer dringend Hilfe braucht", meint Peter S. Darüber hinaus gibt es ja auch noch die gemeinsamen Gottesdienste in der Kirche, einem der größten Räume des Wuppertaler Gefängnisses und verschiedene Gruppen-Angebote, zum Beispiel die Basisgruppe für offene Gespräche oder verschiedene Kulturangebote.

"Weihnachten ist für die meisten Häftlinge besonders schlimm. Viele verfallen in Depressionen, denken sogar an Selbstmord." Für diejenigen, die noch nicht einmal einen Weihnachtsgruß ins Gefängnis bekommen, packen die Pfarrer pro Jahr bis zu 80 Pakete und zusätzlich 220 Tüten mit Kleinigkeiten, Kaffee darf darin nie fehlen.

Drei Pfarrer, drei Charaktere

Erhard Ufermann, Günter Berkenbrink und Jönk Schnitzius sind Seelsorger in der JVA. Sie selbst sind so verschieden wie die Häftlinge, die sie betreuen.

Wuppertal. Lederhose, Cordjacke und schulterlange Haare. Wenn man Erhard Ufermann auf der Straße begegnen würde, käme man wohl kaum auf die Idee, dass er Pfarrer ist evangelischer Seelsorger in der Wuppertaler Justizvollzugsanstalt, um genau zu sein. Und er sagt von sich: "Ich konnte mir nie vorstellen, Pfarrer zu werden und manchmal habe ich sogar heute noch Schwierigkeiten mit dem Gedanken, dass ich es bin."

Günter Berkenbrink (l.) hat in einer Kölner Gemeinde gearbeitet, Erhard Ufermann (M.) könnte sich das nicht vorstellen und Jönk Schnitzius (r.) ist neu im Knast. Foto: Philipp Nieländer

Gottesdienst klappt nur im Dialog

Arbeit in einer ruhigen Landgemeinde? Unvorstellbar für den Pfarrer, der seit 15 Jahren im Knast ist. "Das ist eine ganz andere Welt", sagt Ufermann. "Gottesdienst im Gefängnis ist mit dem draußen nicht vergleichbar wir machen das viel dialogischer und auch lustiger.

Ufermanns katholischer Kollege Günter Berkenbrink hat einen völlig anderen "Lebenslauf". Vor einigen Jahren hätte er sich nicht vorstellen können, einmal als Pfarrer im Gefängnis zu "landen". Nach seinem Studium der Sozialarbeit arbeitete er 13 Jahre lang als Gemeindereferent in einer stetig wachsenden Gemeinde im Kölner Norden. Davon träumen viele. Bei einem Besuch in der Justizvollzugsanstalt beeindruckte Berkenbrink die "Nähe zu existenziellen Themen". Ein paar Bedenken gab es schon. "Es ist halt doch ein ganz anderer Alltag mit anderen Arbeitsabläufen. Und es gibt auch genug Kollegen, die einem abraten."

Inzwischen schätzt der katholische Seelsorger allerdings die Arbeit in der JVA, könnte sich aber auch gut vorstellen, "in absehbarer Zeit wieder in einer normalen Gemeinde zu arbeiten".

Noch relativ neu im "Knast" ist Jönk Schnitzius, der zuvor mehr als drei Jahre in der evangelischen Gemeinde Wichlinghausen und in der City-Kirche tätig war. "Vor einigen Jahren habe ich an einem Weihnachtsgottesdienst in der JVA teilgenommen. Die ehrliche Atmosphäre hat mich sehr beeindruckt".

Hinzu kommt, dass Schnitzius "immer auf der Suche nach Begegnungen mit Menschen" ist. Das Umfeld des Pfarrers reagierte höchst gemischt auf seinen Entschluss von Zustimmung und Interesse bis hin zu Unverständnis ("Wie kann man denn auf so eine Idee kommen?") und Sorge ("Hoffentlich passiert dir da nichts"). An die vielen verschlossenen Türen, die vergitterten Fenster und die unzähligen dienstlichen Anordnungen, die der Sicherheit dienen, hat er sich immer noch nicht gewöhnt.

Die evangelische Kirche ist mit zwei Dreiviertel-Stellen in der Wuppertaler Justizvollzugsanstalt vertreten, die katholische Kirche teilt sich mit der JVA Remscheid drei volle Stellen. Die Seelsorger sind alle ganz unterschiedliche Individuen, aber das sind die Gefangenen auch. "Und so hat jeder Gefangene die Möglichkeit, sich an den zu wenden, den er am sympathischsten findet, dem er am meisten vertraut", sagt Erhard Ufermann. "Und dann achten wir auch nicht darauf, wer welche Konfession hat", ergänzt Berkenbrink.

 

Von Philipp Nieländer